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Kodo / Foto: Buntaro Tanaka

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KODO, EINE NEUE KUNST DES TROMMELNS

Samstag, 6.November 2010

Groß und durchdringend erklingt die gewaltige Taiko unvorstellbar die Kraft und die Technik, mit der sie geschlagen wird. Es ist Trommelkunst in höchster Vollendung!



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http://www.kodo.or.jp


KODO, eine neue Kunst des Trommelns
 
Von Véronique Brindeau (im Programmheft zur Ballet-Produktion KAGUYAHIME an der Opera Bastille in Paris, frei übersetzt von Hugo Faas)
 
Die Trommel ist nicht nur das populärste Instrument Japans, es ist auch eines der ältesten, das Instrument der Riten, der Feste und des Tanzes. Trommelgruppen sind so alt wie die japanische Kultur selbst, wie Funde aus Begräbnisstätten aus dem 6. Jahrhundert belegen. So erzählen auch alte Fabeln und Legenden von diesen ältesten Instrumenten, die Sinnbilder sind einerseits für die ausgewogene und weise Raffinesse des Königshofs als Widerspiegelung der kosmischen Ordnung, sowie andererseits Ausdruck einer sehr irdischen und sehr vitalen Lebensenergie.
 
Die Taiko (ein Allgemeinbegriff, der in Japan alle Trommeln umfasst) des Ensembles Kodo gehören zu einer der beiden grossen Kategorien japanischer Trommeln. Charakteristisch dafür ist ihr aus einem einzigen Baumstamm geschaffener fassähnlicher Körper über deren Rand beidseitig die Membranen gespannt und mit Nägeln fixiert werden. Der andere Trommeltypus hat die Form einer Sanduhr und die Membranen werden mit Schnüren gespannt. Diese Trommeln werden immer von blosser Hand gespielt, was den fundamentalen Unterschied zur Familie der Taiko ausmacht, die immer mit Schlegeln gespielt werden. Im Kabuki Theater kündigte in früheren Zeiten eine in einem Turm über dem Eingang aufgestellte grosse o-daiko jeweils die Vorstellungen an. Im Begleitorchester hatte sie immer die Aufgabe – dank ihrem regelmässigen Rhythmus und den filzbesetzten Trommelschlegeln – im Theaterbesucher eine bestimmte Stimmung hervorzurufen, etwa die einer verschneiten Landschaft, das Geräusch des Regens oder der Wellen, die sich an einem Ufer brechen. Aber nicht nur im Kabuki Theater oder im Ensemble des Nô Theaters, wo eine kleine Trommel für den treibenden Rhythmus der sich zum Schluss steigernden Tänze eingesetzt wurde, fand die Taiko Verwendung. Sie ist ebenso sehr das perfekte Instrumente für Feste und Tänze, ein ideales Instrument auch für draussen, wo es oftmals auf einem Wagen installiert und bei Prozessionen mitgeführt wurde, die durch die Strassen der Dörfer und Städte zogen.
 
Während sich also die Trommeln tief in die japanische Tradition eingeschrieben haben, gehören die reinen Taiko-Ensembles, wie Kodo eines ist, erst der neueren Zeit an. Erst seit Beginn der fünfziger Jahre begann eine neue Ära mit der Bildung der ersten kumi-daiko („Taiko-Ensembles“), die Trommeln verschiedener Grösse spielten und deren Erfolg sehr schnell  zur Gründung einer Vielzahl ähnlicher Ensembles führten. Heute zählt man in Japan nicht weniger als 500 solcher Gruppen, wie aus den Annalen eines im Jahre 1979 gegründeten Taiko Verbandes hervorgeht.
 
Unter den Pioniergruppen - nebst der angesehenen Ôedo Sukeroku – ist sicherlich das 1969 von Den Tagayasu gegründete Ensemble Ondekoza die berühmteste. Für Den Tagayasu war das Spielen der Taiko nicht nur ein Freizeitvergnügen sondern eine ganzheitliche Lebenseinstellung und eine ethische Lebensform, die er in einer Gemeinschaft auf der Insel Sado begründete, gelegen im japanischen Meer fünfzig Kilometer ausserhalb von Niigata. Dort trifft sich 1975 der Komponist Maki Ishi mit der Gruppe und komponiert inspiriert von Kodos Trommelkunst Monochrome für japanische Trommeln und Gongs und darauf Mono-Prism, das 1976 in Berlin vom Boston Symphony Orchestra unter Seiji Ozawa uraufgeführt wird. Ein Kern dieser Musiker gründete dann 1981 die aktuelle Kodo Gruppe, an derem ersten Konzert im gleichen Jahr anlässlich des Berlin Festivals ein weiteres Werk des Komponisten – diesmal ausschliesslich für japanische Trommeln geschrieben – uraufgeführt wird: Dyu-Ha.
 
Der Name der Gruppe Kodo ergibt sich aus der Verbindung der des Schriftzeichens für die Trommel (ko) mit demjenigen für Kindheit (do). Aus dieser Bezeichnung ergibt sich eine Verpflichtung zur Einfachheit und zur Rückkehr zu den Wurzeln und kann ebenfalls als „Herzschlag“ verstanden werden, als Urrhythmus des Lebens. Die rund fünfzig Mitglieder der aktuellen Kodo Truppe, darunter etwa fünfundzwanzig aktive Bühnenmusiker, praktiziert auf der Insel Sado ein striktes und genügsames Gemeinschaftsleben und ein rigoroses, spartanisches Training, das jeden Morgen früh mit einem 10km Lauf beginnt, gefolgt von intensiver musikalischer Arbeit. Dank dieser Lebensweise und der Ausübung dieser Prinzipien kommen die ästhetischen Werte, wie sie durch Kodo popularisiert werden, immer mehr zum Tragen: einwandfreie Virtuosität, grossartige Freisetzung von Energie, kommunikative Dynamik und untrügliches Gefühl für die Aufführungspraxis gepaart mit einem choreographischen Gespür, das eine perfekte Beherrschung jeder Geste mit sich bringt. Neben der intensiven musikalischen Ausbildung gehören Nô und Kyôgen Theater, die Geschichte der Kaligraphie, die Reis- und der Gemüsekultur, sowie Kochen und Tee-Zeremonie zu den weiteren Lehrfächern der Kodo-Aspiranten. Ein Drittel ihrer Aktivitäten widmet die Gruppe Auftritten im Ausland, ein weiterer Drittel Konzerten in Japan und ein Drittel dient der Neuentwicklung und Vorbereitung auf der Insel. 1997 werden das Kodo Village sowie die Kodo-Stiftung offiziell ins Leben gerufen.
 
Neben den verschiedenen Trommeltypen, deren Durchmesser von zwanzig Zentimetern bis fast zwei Metern reicht, spielen die Musiker auch traditionelle japanische Querflöten und pflegen regionale Tanzstile. In ihren Aufführungen integrieren sie auch einen Musikstil auf der Laute shamisen,  der er auf der Halbinsel Tsugaru im Norden Japans heimisch und ebenfalls eine äusserst virtuose Volkskunst ist. Das Repertoire der Gruppe Kodo ist hervorgegangen aus lokalen Traditionen und aus Rhythmen, welche in ganz Japan gesammelt und integriert wurden. Diese wurden aber nicht einfach übernommen, sondern mit neuem Leben versehen. So wurde zum Beispiel der chichibu Stil – benannt nach der Region gleichen Namens – integriert, bei dem die Spieler auf dem Boden sitzen und die Trommeln zwischen ihren Schenkeln eingeklemmt haben. Das Repertoire von Kodo wird bereichert dank neuen Werken von Komponisten aber auch durch Kreationen der Gruppenmitglieder. Seit 1988 lädt Kodo jedes Jahr Mitte August Musiker aus der ganzen Welt zu ihrem Festival „Earth Celebration“ auf die Insel Sado ein. Diese Konzert finden jeweils auf dem Gelände der Tempelanlage der kleinen Stadt Ogi statt und werden jeweils von Tausenden Zuhörern besucht.
 
Die Insel Sado, in früheren Zeiten Exil für in Ungnade gefallene Aristokraten und Krieger aber auch für Künstler wie Zeami, den Begründer des Nô Theaters, hat sich seit dem Mittelalter seine Theater-Tradition bewahrt. Seit 1981 haben die Musiker Sado zum einem Zentrum der musikalischen Volkskultur Japans mit internationaler Öffnung gemacht. So tragen sie ein aussergewöhnliches Erbe weiter, das nicht die Frucht eines weltfremder Rückzug ist sondern lebendige Offenheit und ein Fest der Sinne.
 
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